Beiträge
Rainbow Nation Südafrika
Besondere Aktualität erhält unsere Neuerscheinung Roadmovie Kapstadt durch den Mord am Rechtsextremisten Eugene Terreblanche, einem bekannten Rassistenführer. Die Furcht vor neuen Rassenunruhen im Land am Kap der Guten Hoffnung ist groß angesichts der allgemein schlechten Sicherheitslage, insbesondere vor der Fußballweltmeisterschaft.
Ulf Iskender Kaschl reflektiert in seinem Roman Roadmovie Kapstadt die gesellschaftliche Entwicklung des Landes über eine Zeitspanne der letzten 10 Jahre. Trotz aller noch immer bestehenden Rassengrenzen und vieler Rückschläge im Bemühen um ein friedvolles Miteinander hat eine bemerkenswerte Entwicklung stattgefunden.
"Ich bin von dem ungezwungenen Miteinander der unterschiedlichen Rassen am Strand von Muizenberg im Jahre 2009 überrascht. Was zu Zeiten der Apartheid gänzlich undenkbar und strafbar gewesen wäre, zeigte sich vor 10 Jahren noch - obwohl nicht mehr verboten - in nur sehr zaghaften Andeutungen. Ein schwarzer Surfer war damals ein höchst außergewöhnlicher Anblick.
Auch in anderen öffentlichen Räumen war die Trennung entlang der Rassengrenze 1999 deutlich sichtbar. Die Gäste in Klubs und Discos waren über Musikgeschmack definiert, Weiße hörten Rock und Schwarze Kwaito, die örtliche Variante des HipHop, die Coloureds R'n'B. Coloureds rauchten Rothmans, Weiße Chesterfield. Schwarze trugen Trainingsanzüge aus Ballonseide, Weiße Jeans und T-Shirts, Inder Designerkleidung oder Saris. Die Rassenpolitik der Vergangenheit hatte Kulturen geschaffen, die sich auch in der freiheitlichen Ordnung des neuen Südafrika lieber ihr eigene Identität bewahrten als im großen Ganzen aufzugehen. Tatsächlich war die Idee der Rainbow Nation, der maßgeblichen multikulturellen Vision der Neunzigerjahre, von vielen so aufgefasst worden, dass die Ethnien Südafrikas wie im Regenbogen friedlich koexistieren sollten, ohne sich jedoch zu vermischen. Doch der Anblick, der sich mir an diesem Sonntagnachmittag bietet, ist die Machbarkeitsstudie des Gegenteils.
Fünf Meter von mir entfernt gräbt ein Inder mit seinem Sohn ein weißes Mädchen in den Sand ein. zwei Schwarze laufen in rosa Lycras und Surfhosen in die Brandung, ihre Bretter unter den Arm geklemmt, ein Mann im Burnus schaut ihnen versonnen nach und streicht über seinen langen Kinnbart. Eine orthodoxe jüdische Familie sitzt direkt daneben im Sand und genießt ein mitgebrachtes Picknick. Weiter unten, wo das Meer dem Sand die Konsistenz feuchten Zements verliehen hat, graben Buren und Coloureds nebeneinander nach White Mussel, einer schmackhaften Muschel, die hier zu Tausenden im Schlick verborgen lebt. Schwarze und weiße Studenten spielen zusammen Rugby, alle tragen sie stolz die grünen T-Shirts der Springboks, der südafrikanischen Nationalmannschaft."
aus: Ulf Iskender Kaschl, Roadmovie Kapstadt. Roman




